Bernd Kunze: Rund ums Allgäu sind die Möglichkeiten besser

Kunze und Decker 300Bernd Kunze (im Bildvordergrund) ist Sportlicher Leiter beim FC Memmingen. Als Kenner der Szene spricht er über die Schwierigkeiten bei der Sponsorensuche, über die Vision eines FC Allgäu – und über die Erkenntnisse aus der WM. Der 44-jährige kennt den Fußball im Allgäu wie kaum ein anderer, trainierte den TSV Kottern, den 1. FC Sonthofen und den FC Wiggensbach, ehe er 2015 als Teammanager zum FC Memmingen wechselte. Vor Saisonbeginn unterhielten wir uns ausführlich mit ihm über ...

... die Tauglichkeit der neuen FCM-Mannschaft: „Letztes Jahr hat uns jeder gelobt für den tollen Kader und am Ende haben wir gesehen, was dabei herausgekommen ist. Deshalb bin ich sehr zurückhaltend mit Prognosen. Keine Frage: Die Abgänge von Muriz Salemovic und Burak Coban tun weh. Aber ich glaube, wir können beide Positionen mit Fatjon Celani, Patrik Dzalto und dem einen oder anderen jungen Spieler kompensieren. Positiv ist: Im Vergleich zum Vorjahr haben wir heuer kaum Verletzte.“

... die Schwierigkeit, neue Spieler zu finden: „Der Markt ist riesig. Aus dem Ausland, speziell aus der Ukraine, der Türkei, Bosnien und Kroatien drängen eminent viele Spieler nach Deutschland. Vor einer Saison bekomme ich etwa 150 bis 200 Spieler angeboten. Wir können aber schnell selektieren, weil wir beim FCM weder eine Wohnung bereitstellen noch Gehälter zahlen können, von dem ein Spieler allein leben könnte. Am Ende bleiben etwa 20 bis 25 übrig, mit denen ich mich näher befasse. Aber ich strecke natürlich auch selbst die Fühler nach guten Spielern aus. Das Hauptaugenmerk gilt den Fußballern, die mit 18 oder 20 Jahren aus München, Augsburg, Heidenheim oder Ulm weggezogen sind und dann irgendwann wieder in die Nähe ihrer Heimat zurückwollen. Aber unser Credo lautet immer: Wenn wir einen Externen verpflichten, dann muss er deutlich besser sein als Spieler aus der eigenen U 21 oder der eigenen Jugend.“

... das Zeitfenster für Neuverpflichtungen: „Früher stand der Kader für die neue Saison im Februar, März oder April. Heutzutage geht das bis 31. August. Viele Spieler und Berater sitzen das aus und zocken, so lange es geht. Aber wenn einer bis zuletzt abwartet und pokert, dann ist es um seine Charakterstärke vielleicht auch nicht so gut bestellt...“

... die wirtschaftlichen Voraussetzungen im Allgäu: „Ich weiß zwar nicht, was andere Vereine in ihre Verträge reinschreiben, aber es gibt sicherlich überall bessere Verdienstmöglichkeiten für einen Fußballer als im Allgäu. Das Allgäu ist generell deutlich schlechter gestellt als der Münchener, Ulmer und Augsburger Raum. Es gibt ja auch Studien und verlässliche Zahlen, dass die Regionalliga Südwest von der Struktur und von den wirtschaftlichen Möglichkeiten her schon viel näher am Profitum arbeitet als unsere Regionalliga Bayern. Deutschlandweit gibt es viele Regionalliga-Vereine, die auf ihre alten Profistrukturen zurückgreifen. In Bayern gibt’s da nicht gar so viele.“

... die Fortentwicklung des Allgäuer Fußballs: „Jedem muss eines bewusst sein: Wenn es in Bayern keine eigene Regionalliga geben würde, könnte ein Allgäuer Verein in der vierten Liga nicht überleben. Der FC Memmingen kann das nur, weil er eine überragende Jugendarbeit hat. Wir können jedes Jahr auf zwölf, 13 Spieler aus dem eigenen Nachwuchs bauen, die ein gutes Niveau mitbringen. Generell funktioniert es im Allgäu aber nur über zwei Wege. Entweder ich habe einen Supersponsor oder eine super Jugendarbeit.“

... die Hoffnung, dass im Allgäu ein Großsponsor den Fußball auf eine andere Ebene heben könnte: „Ich persönlich wüsste nicht, wer das tun könnte und wollte – und ob es auf lange Sicht der richtige Weg wäre. Ich bin eher der Meinung, dass wir im Allgäu momentan richtig aufgestellt sind. Mir ist die Langlebigkeit in dem Fall wichtiger als der schnelle Erfolg. Der FCM ist jetzt zehn Jahre lang am Stück in der Regionalliga. Vielleicht wäre das nicht so, wenn ein einziger Unternehmer gesagt hätte: Komm’, ich leiste mir diesen Verein. Und was passiert, wenn der keinen Bock mehr hat? Dann steigen auch andere nicht mehr ein...“

... die These, im Allgäu werde das Geld im Gießkannenprinzip über die Vereine verteilt: „Das mag sein, am Ende kommen die besten aber dann doch irgendwann zum FC Memmingen. Ich bezweifle übrigens, dass wir höher als Regionalliga spielen würden, wenn wir die besten Spieler aus der Region alle in einen FC Allgäu packen würden. Und selbst da bräuchte man ein paar Verstärkungen von extern.“

... die Nummer zwei im Allgäu, den TSV Kottern, bei dem er selbst viele Jahre lang gespielt und trainiert hat: „Der TSV hat letzte Saison eine überragende Rückrunde gespielt. Lange Zeit haben sie am Relegationsplatz zwei geschnuppert. Ich weiß aber auch nicht, inwieweit da wirklich Pläne für einen Regionalliga-Aufstieg in der Schublade gelegen haben. Das ist schon ein großer Schritt aus der Bayernliga. Aber dass sie sich um die Lizenz beworben haben, war das richtige Signal für Zuschauer, Sponsoren und natürlich das Team. Denen brauchst du nicht erzählen, dass du weiter in der Bayernliga spielen willst.“

... die Qualität von Nachwuchsspielern im Allgäu: „In Zukunft wird es sicher noch schwerer für den FCM, aus den unteren Ligen Spieler rauszupicken, die das Zeug zur Regionalliga haben. Talentierte Spieler gehen ja heutzutage viel früher weg in die Nachwuchs-Leistungszentren. Unsere Chance ist es, diejenigen abzugreifen, die dann mit 23 oder 24 Jahren erkennen: Hoppla, das wird nichts mit dem Profifußball – ich muss doch einem normalen Beruf nachgehen und kicke halt so nebenzu noch weiter.“

... den Nervenkitzel der Vorsaison, als der Klassenerhalt erst in der Relegation gelang: „Wenn’s am Ende gut hinausgeht, sind so Entscheidungsspiele natürlich schon eine spannende Geschichte. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich brauche so eine Zittersaison nicht noch einmal. Das kostet enorm viele Nerven.“

... die Erkenntnisse aus der WM in Russland: „Man hat schon eindeutig gesehen: Die Mannschaften rücken immer enger zusammen und es entscheiden am Ende Nuancen. Ich hatte den Eindruck, dass die ganz großen Stars wie Messi, Neymar, Ronaldo und Kroos am Ende einer langen Saison schon ein bisschen überspielt sind. Taktisch war ein klarer Trend erkennbar: Viele verabschieden sich von der sturen Viererkette und variieren zwischen Dreier-, Vierer- und Fünferkette. Aber ansonsten ist der Fußball nicht neu erfunden worden.“

... über das Spiel und das frühe Aus der Deutschen: „Wir haben uns doch zehn Jahre gefreut, dass wir fast jeden Gegner mit dem Ballbesitzfußball dominiert haben. Deshalb wäre es grundlegend falsch gewesen, vor diesem Turnier zu sagen: Nehmt ihr mal den Ball und wir reagieren nur. Das Hauptmanko für mich war, mit wie wenig Wille und Hingabe wir versucht haben, ein Tor zu erzielen. Da dachte jeder: Irgendwann wird’s schon fallen. Aber es fiel halt nicht...“

(Von Thomas Weiß - Dribbler/Allgäuer Zeitung vom 13.07.18 - Archivfoto: Olaf Schulze)

 

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