China-Besuch: Wenn Weißwürste für irritierte Blicke sorgen

China Besuch KURT KRAUS 300Schalke gegen Jiangsu, Memmingen gegen Beijing und Dortmund gegen Shandong: So heißen die Begegnungen beim Abschlusstraining der chinesischen Nachwuchskicker. Manfred Schweiger, Sportlicher Leiter des FC Memmingen (FCM), lässt die Gäste an diesem Tag nicht gegen die E-Junioren seines Klubs spielen, sondern bildet mehrere gemischte Teams.

Für eine Woche sind die 18 Fußballer der Jahrgänge 2007 bis 2010 in Memmingen zu Gast. Betreut wird die chinesische Delegation von Josef Huber, dem Jugendleiter des FCM. Huber hat für diese Woche extra Urlaub genommen, sonst wäre das straffe Programm nicht zu bewältigen. Dank der guten Kontakte von FCM-Chef Armin Buchmann dürfen die Gäste unter anderem den Campus, die Arena und die Erlebniswelt des FC Bayern München besuchen. Huber zeigt den Buben, die allesamt aus der Stadt Jinan in der Provinz Shandong stammen, aber auch das Schloss Neuschwanstein und das Legoland.

Huber dirigiert die wuselige Truppe dabei völlig unaufgeregt und souverän von Termin zu Termin. „Natürlich ist das ein wenig stressig“, sagt der Mann, der seit drei Jahren für den Nachwuchs des FCM verantwortlich ist. „Aber ich möchte unbedingt etwas zurückgeben von der ungeheuren Gastfreundschaft, die wir im Frühjahr bei unserem Besuch in China genossen haben.“ Huber und Buchmann gehörten zu der Memminger Delegation, die nach Jinan eingeladen war. Sie konnten sich dort ein Bild vom Fußball in China machen. Huber: „Das sind ganz andere Strukturen als bei uns. Vereine gibt es dort eigentlich nur im Profi-Fußball. Ansonsten wird fast ausnahmslos in Schulen und Universitäten gekickt.“

Die Grundschüler aus Jinan im Alter von acht bis zwölf Jahren haben einmal pro Tag eine Stunde Sport, und da wird Fußball gespielt. „Kicken können die“, sagt Huber. Ihnen fehle halt der ständige Wettkampf. Vergleiche mit anderen Teams gibt es meist nur einmal im Jahr, wenn die Schulen gegeneinander antreten.

Am letzten Tag des offiziellen Programms steht die Begrüßung im Memminger Rathaus an. Und hier kommen 13 junge Mädchen ins Spiel, die ebenfalls zu der chinesischen Delegation gehören. Sie führen Drittem Bürgermeister Dr. Hans-Martin Steiger, der die Gäste empfängt, in ihrer landestypischen Tracht traditionelle chinesische Tänze vor. Nach dem Austausch der Geschenke und dem obligatorischen Foto auf der Rathaustreppe geht es weiter zur Sebastian-Lotzer-Realschule. Dort warten die Schüler und Schülerinnen schon sehnsüchtig auf ihre Altersgenossen aus China. Einige Mädchen haben ein fesches Dirndl an. Man zeigt, wie man sich in Bayern kleidet. Organisiert wird der Besuch übrigens vom Deutsch-Chinesischen Freundschaftsverein, der 2017 in Aschaffenburg gegründet wurde. Vorsitzende ist Qiu Yucai. Sie wird unterstützt von dem Aschaffenburger Stadtrat Karl-Heinz Stegmann.

Und warum Memmingen, wenn der Verein in Aschaffenburg ansässig ist? Stegmann: „Im Vordergrund der Vereinsarbeit stehen Kultur und Sport. Und mit dem FC Memmingen haben wir schon öfter und gut zusammengearbeitet.“ Nach der Begrüßung durch Schulleiter Harald Rehklau steht „Fremdsprachenkorrespondenz“ auf dem Stundenplan. Englisch-Lehrer Wolfgang Lotterer und seine Schüler haben ein „Speed Dating“ vorbereitet.

Sie wollen möglichst schnell möglichst viel über die Fußballer und die Tänzerinnen erfahren. Nach anfänglicher Zurückhaltung klappt die Kommunikation bald problemlos. Und danach gibt es – es ist ja Oktoberfest-Zeit – original bayerische Weißwürste und Brezeln. Die chinesischen Schüler schauen zunächst ein wenig irritiert. Aber sie schmecken ganz offensichtlich gar nicht so schlecht, diese weißen Dinger mit Haut. Zhu Yuze jedenfalls lässt sich gleich noch eine zweite Wurst bringen.

Beim Mittagessen in der Stadion-Gaststätte besteht endlich Gelegenheit zu einem Plausch mit den Fußballern. David Zhang, acht Jahre alt und in Dortmund geboren, spricht Deutsch und fungiert als Dolmetscher. Der zehnjährige Zhang Zi An ist Fan des FC Barcelona und träumt von einer Karriere als Fußballprofi. Kan Haicheng ist neun Jahre alt. Für ihn ist der FC Bayern die Nummer eins. Doch kaum sind die schwierigen Namen übersetzt und die ersten Fragen gestellt, springen die drei Jungs auf und rennen davon. Was ist los? Die Auflösung: Das Fußballtraining, auf das sie den ganzen Tag hingefiebert haben, geht endlich los. Wie junge Fohlen, die im Frühjahr erstmals auf die Weide gelassen werden, springen sie auf den Kunstrasenplatz am Memminger Stadion. Sie sind, das sieht man an ihren leuchtenden Augen, endlich in ihrem Element. Das nasskalte Wetter scheint ihnen überhaupt nichts auszumachen. Und sprachliche Probleme gibt es spätestens jetzt keine mehr. Die Fußballersprache versteht jeder. Und wer weiß? Wenn die Jungs aus dem Land der aufgehenden Sonne diese Begeisterung beibehalten, dann wird China im Jahr 2030 vielleicht tatsächlich Fußball-Weltmeister.

(Von Kurt Kraus - Memminger Zeitung vom 09.10.19 - Fotos: Kurt Kraus)

 

 

 

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