Vor möglicher Herbst-Meisterschaft: „Die Mannschaft hat keine Bremse“

„Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich“. Dieses vielfach Wilhelm Busch zugeschriebene Zitat trifft momentan auf den FC Memmingen ein Stück weit zu. Vor dem Auswärtsspiel am kommenden Samstag fehlt der Mannschaft von Trainer Matthias Günes nur noch ein Punkt zur Herbstmeisterschaft. Ein inoffizieller Titel zwar, aber durchaus etwas für die Vereinsgeschichte. Dass die Allgäuer mit komfortablem Sechs—Punkte-Vorsprung vor der Konkurrenz und dem Topfavoriten 1860 München die Regionalliga-Tabelle anführen, mag für viele überraschend erscheinen, aber ein Zufallsprodukt ist es bei genauerem Hinsehen auch nicht unbedingt.

Als vor dem Saisonauftaktspiel im Juli die sportlich Verantwortlichen im vorderen Teil des Mannschaftsbusses zusammensaßen und darüber sinnierten, wer am Ende vorn stehen könnte, wer es schwer haben wird und wer heuer für eine positive Überraschung sorgen könnte, hatte Esad Kahric eine Antwort auf die letzte Frage. Kurz und trocken sagte der langjährige Trainerfuchs und jetzige sportliche Leiter in die Runde: „Der FC Memmingen“. Kahric sollte recht behalten, wenngleich auch er den Höhenflug in diesem Ausmaß nicht für möglich gehalten hat.

Dem Allgäuer Traditionsclub, der sich seit 1970 im gehobenen Amateurfußball hält, schlägt viel Respekt entgegen. Mit nur neun Gegentreffern mit Abstand die stärkste Abwehr der Regionalliga, Gut, auch vorne mit 20 erzielten Treffer und der im Vergleich zur immensen Auswärtsstärke nicht ganz so tollen Heimbilanz ist es auch hier eher etwas Minimalismus.

Vielleicht spielt mittlerweile auch die Psychologie eine Rolle. Regelmäßig heißt es von den Gegnern: „Wenn Memmingen ein Tor schießt, wird es brutal schwer“. Wenn die anderen daran glauben, tun es die eigenen Spieler auch. Elfmal in 17 Begegnungen stand hinten die Null. Maßgeblichen Anteil an der „Memminger Stadtmauer“ hat Abwehrchef Max Zeller, der aber auch im Spiel nach vorne wichtige Akzente setzt. So ist es ganz und gar nicht eine Mauertaktik, die zum Erfolg führt. Im Gegenteil: Die Gegner machen oft selbst hinten dicht, um nicht dem schnellen Umschaltspiel ins Messer zu laufen. So lässt sich auch das eine oder andere 0:0 erklären.

Insgesamt ist es in Memmingen die Aufbauarbeit der vergangenen drei Jahre, die sich nach der Abkehr auch mal auf Ex-Profis zu setzen, immer mehr bezahlt macht. Spieler, die aus der eigenen Nachwuchsarbeit stammen entwickeln sich weiter, sind gestandene Stammkräfte. Dazu Talente aus der Region für die der FC Memmingen, wie schon zahlreiche Bespielspiele aus der Vergangenheit zeigen, ein Sprungbrett sein kann. Die Namen von Michael Bergmann, Luan Fusaro, Timo Schmidt oder dem Fünffach-Torschützen Constantin Kresin dürften einige Scouts aktuell auf dem Zettel haben.

Was seine Mannschaft derzeit ausgezeichnet ist für Matthias Günes ein unglaublicher Teamgeist, der nur in entsprechenden Bahnen gelenkt werden muss: „Die Spieler sind angezündet. Die haben Bock, die sind scharf auf Laufen und Kämpfen. Diese Gewohnheit hat sich eingeschlichen und trägt das Team.“ Möglichst auch am Samstagnachmittag im Augsburger Rosenaustadion, wo die imposante Serie mit den acht in Folge gewonnenen Auswärtsspielen weiter ausgebaut werden kann.

Wer zur Halbzeit ganz oben steht, muss sich natürlich Gedanken machen, wie es weitergeht und ob ins Lizenzierungsverfahren zur 3. Liga gegangen wird. Dazu wird sich der Verein dem Vernehmen nach schon bald erklären. Beim kürzlichen Sponsorenabend wünschte der Ehrengast und Bayern-Legende Franz „Bulle“ Roth schon mal den Aufstieg. Die bemerkenswerte Reaktion von FCM-Präsident Andreas Minkenberg darauf: „Die Mannschaft hat keine Bremse“.

KICKER

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KICKER-Sportmagazin vom 05.11.26 – Fotos (C) Hannah Brenner, Siegfried Rebhan, Olaf Schulze

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