Allgäuer Zeitung: Matthias Günes und Candy Decker im Interview

Der Memminger Chefcoach und Co-Trainer Candy Decker sprechen im Interview mit der Allgäuer Zeitung vor dem Spitzenspiel gegen Buchbach am Freitag über schwierige Typen im Team, Bezahlung und Familie.

17 schmale Treppen führen auf der Rückseite des econ-Arena-Parks hinunter in die sportliche Herzkammer des FC Memmingen Der Geruch: Na ja. Kabinengang eben, die Toiletten gleich nebenan. Matthias Günes, Cheftrainer des FC Memmingen und sein Co., Candy Decker, führen die Reporter vor dem Regionalliga-Spitzenspiel am Freitag ab 19 Uhr gegen den TSV Buchbach durch die Räumlichkeiten, in denen am Erfolg des ranghöchsten Allgäuer Fußball-Clubs gebastelt wird.

Dabei zeigen sie auch das kleine dunkle Trainer-Büro ganz hinten im Eck ohne Tageslicht, in dem sie sich mit Torwart-Trainer Martin Gruber und Analyse-Coach Benjamin Schmidt umziehen, fachsimpeln und am Ecktisch ausgewählten Spielern auch mal eine „Einzelbehandlung“ verabreichen. Das ausführliche Interview findet zwei Stockwerke höher im Stadion-Restaurant „La’Mar“ statt – mit dem direkten Blick auf die gesamte Stadion-Anlage.

Hand aufs Herz. Am Freitagabend steigt hier das Topspiel gegen Spitzenreiter Buchbach – kein Spiel wie jedes andere, oder?

MATTHIAS GÜNES: Ja klar ist die Anspannung größer. Wir machen ja die Augen auch nicht zu vor dieser sehr, sehr positiven Ausgangslage. Wir haben den besten Saisonstart der Vereinsgeschichte hingelegt. Aber deswegen wird jetzt keiner verrückt hier.

Äh, es spielt der Erste gegen den Zweiten…

GÜNES: Um Gottes Willen, ich möchte das auch nicht wegwischen. Aber es sind erst zehn Spiele gespielt. Selbst wenn wir jetzt gewinnen würden und Erster sind, dann ist trotzdem noch nicht mal ein Drittel der Saison vorüber.

Ihr macht das Thema bewusst kleiner als es ist, oder?

GÜNES: Nein, aber niemand da draußen sollte den Input von einem Trainerteam vor so einem Spiel überschätzen. Da kannst du als Trainer viel mehr kaputt machen, als dass du helfen kannst.

… weil die Spieler sich plötzlich viel zu viel Gedanken machen?

CANDY DECKER: Ja, indem du die Jungs überflutest. Auf was es in so einem Topspiel ankommt, muss vorher draufgesattelt sein. Nicht ein paar Tage vorher.

GÜNES: Anders gesagt: In dieser Mannschaft ist ein gewisser Geist drinnen. Die Spieler sind angezündet. Punkt. Die haben Bock, die sind scharf auf Laufen und Kämpfen. Diese Gewohnheit hat sich eingeschlichen und trägt das Team. Wir beiden bringen ein paar Dinge in die richtigen Bahnen, haben auch einen Einfluss auf die Führungsstruktur. Aber der Geist entsteht immer in der Kabine.

Wie war Ihr Einfluss in den letzten Tagen vor dem Kracher? Können Sie konkret den Wochenablauf vor so einem Spiel schildern?

GÜNES: Sonntag in der Früh habe ich mir die Partie gegen Illertissen noch einmal angeschaut. Da fallen einem immer Dinge auf, die man so während des Spiels nicht gesehen hat. Der Montag stand noch unter dem Motto „Regeneration“ mit ein bisschen Taktik. Diesmal ging’s um den Spielaufbau. Wie wir das gegen Buchbach noch ein bisschen besser machen können. Dienstag ist dann Vollgas. Turnier, Mann gegen Mann, körperlich arbeiten. Unsere Elemente abrufen, die unser Spiel ausmachen. Die von Energie und Aktivität leben.

Mittwoch ist trainingsfrei, oder?

GÜNES: Ja. Am Donnerstag widmen wir uns dann deutlich stärker dem Gegner. Erst in einem 20-Minuten-Video, dann simulieren wir auf dem Platz im Elf gegen Elf das Spiel des Kontrahenten. Bis dahin ist das alles sehr technisch und wenig emotional. Die emotionale Aufladung kommt erst dann, wenn wir am Spieltag rübergehen in den Stadiontrakt, uns umziehen und warm machen. Aber diese Themen regelt die Mannschaft dann schon selbst und entwickelt da eine ganz eigene Dynamik. Wieder: Wir im Trainerteam dürfen uns da nicht überschätzen oder zu wichtig nehmen.

Was wissen Sie über den Gegner Buchbach?

GÜNES: Ah, die sind gut. Sie haben eine super Offensive und super Einzelspieler. Die Buchbacher sind wie wir im Flow. Was ich gesehen habe, ist es eine unheimlich lebendige, selbstbewusste Truppe.

DECKER: Ja, Buchbach spielt extrem geradlinig. Ein richtig harter Brocken.

Das heißt, die Zuschauer dürfen sich freuen?

GÜNES: Ich glaube, das wird ein brutal intensives Spiel. Ich denke, es wird extrem, ähnlich wie gegen Unterhaching, in dem es manche Spieler auf verrückte 1100 bis 1200 Sprintmeter gebracht haben. Das sind Zweitliga-Werte. Von der Ausgangslage her sage ich: Das Spiel gegen Buchbach wird genauso krass, weil beide Mannschaften mit Lust statt Frust unterwegs sind. Diesmal aber hoffentlich auch mit Toren auf unserer Seite.

Gibt es so etwas wie eine Angst vor Niederlagen oder einer zu hohen Erwartungshaltung?

GÜNES: Wir hatten letzte Saison einen sensationellen Saisonstart. Sind dann in eine schlechte Phase gekommen. Aber ich kann sagen, wenn wir die letzten Jahre hernehmen, dann war da eher negativer Druck auf der Thematik von außen. Aber die Arbeit im Training, das Angehen der nächsten Spiele, die inhaltliche und die körperliche Vorbereitung ist nach zehn Siegen und nach zehn Niederlagen immer die exakt gleiche. Die Arbeit ist davon null beeinflusst.

Also auch null Angst, dass sich der Wind mal drehen könnte?

DECKER: Also, meine Ängste sind schon ein stückweit die Erwartungshaltung von außen. Wir haben einen super Start hingelegt. Du hörst dann aber nach dem 0:0 gegen Burghausen, die übrigens den besten Sturm der Liga haben und gegen die wir kaum eine Torchance zugelassen haben, beim Hochlaufen auf die Tribüne Stimmen, dass wir ja nicht zufrieden sein können mit dem Unentschieden. Ich denke, dass auch die Misserfolge kommen werden. Wir hatten bisher auch verletzungstechnisch Glück.

GÜNES: Gegen Vilzing hieß es auf der Tribüne wohl auch: „Jetzt g’winnt man nicht mal gegen das Dorf.“ Dabei muss man wissen, dass Vilzing einen deutlich höheren Etat hat als wir.

Wobei Emotionen und Fans, die sich über Erfolge freuen, ja immer willkommen sind.

GÜNES: Also bitte nicht falsch verstehen. Ich verstehe jeden Zuschauer. Da gibt es null Negativität von mir. Aber es gibt eben Unterschiede in der Wahrnehmung aus dem Kern heraus oder als Beobachter oder als Fan. Wir freuen uns natürlich, wenn sich alle freuen. Aber wir als Trainer müssen eben auch unserer Mannschaft gegenüber gerecht sein und daran messen, was man vorgibt.

Welches sind die Stärken der Mannschaft?

DECKER: Wir müssen im Training nichts anzünden, wir müssen nicht laut werden, wir müssen keinen zusammen pfeifen. Das funktioniert von allein. Der unbedingte Wille ist da, selbst Trainingsspiele zu gewinnen.

Der schon immer da war?

DECKER: Diesen Willen haben wir an die Mannschaft weitergegeben. Zum Beispiel unser Kapitän Lukas Rietzler, das müsst’s ihr euch mal anschauen, wie der sich im Training zerlegt, da noch voll reingrätscht und den Kopf an den Pfosten haut.

Habt ihr auch schwierige Typen im Team?

DECKER: Das hat sich total geändert. Früher hattest du schwierige Charaktere. Zu meiner Zeit waren das beispielsweise ein Andi Maier, Alex Späth oder Matze Jörg, die waren einfach unangenehm, die ganze Zeit. Da hast du einen Trainer gebraucht, der die auf Spur hält. Heutzutage hast du keinen mehr, der aus der Reihe tanzt. Das ist alles eher homogen.

GÜNES: Unsere Jungs, auch die Leistungsträger, sitzen mit uns Trainern gemeinsam im Boot.

Welche Rolle spielt Geld in dieser Liga bzw. bei euch?

GÜNES: Ohne Schmarren, jeder Spieler, der das hier des Geldes wegen macht, stellt sich gescheiter zweimal die Woche an eine Tankstelle. Wir sprechen über Jungs, das kann man echt mal so sagen, die für ein paar hundert Euro im Monat durch ganz Bayern fahren und sechs Mal die Woche jeweils fünf bis sechs Stunden Zeit opfern.

Und dennoch spielt ihr bislang oben mit …

GÜNES: Das ist auch ein Grund in meinen Augen, dass das hier so zusammengewachsen ist. Die Mannschaft besteht aus Spielern, die Bock haben auf die Regionalliga. Die den nächsten Schritt gehen wollen und vielleicht Profi werden können. Memmingen hat zahlreiche Profis hervorgebracht. Jetzt haben wir den Luan Fusaro, Timo Schmidt, Constantin Kresin oder Michael Bergmann. Die sind vom Alter her alle noch interessant.

Ein zusätzlicher Anreiz, hier alles zu geben?

DECKER: Ja, absolut. Das wird von uns übrigens auch so kommuniziert. Es ist nicht so, dass wir sagen, du bleibst jetzt hier und musst deinen Vertrag aussitzen. Sondern wenn du was machen kannst, dann geben wir dich frei.

Wie teilt sich das Trainerteam die Aufgaben auf?

GÜNES: Bei der Spielanalyse machen wir das so, dass ich die Spiele anschaue und dann die Szenen raussuche. Candy und Benny Schmidt werten sie aus, setzen es technisch um und produzieren Clips mit den Spielszenen. Das mache ich bewusst so, dass eben mehrere Augen drauf schauen.

Wie wichtig ist die Chemie im Trainerteam?

GÜNES: Man muss immer aufpassen, wie man Dinge formuliert. Aber ich würde es auf unsere Mannschaft bezogen, als den wichtigsten Baustein bezeichnen Vom ersten Tag an war es bei uns ein komplettes Arbeiten auf Augenhöhe. Ich konnte ihn relativ schnell einschätzen und er konnte mich schnell einschätzen. Dann merkst du, dass das relativ schnell matcht. Es ist sehr vertrauensvoll.

DECKER: Wenn man sich gut kennt, muss man nicht immer über alles reden. Es funktioniert einfach.

Welche Rolle spielen Familie und Beruf in der höchsten Amateurklasse?

DECKER: Unsere Kinder sind noch klein. Wir haben schon einen Mordsstress, hierher zu kommen und ausreichend zu schlafen. Und ehrlich muss ich manchmal am Abend nach dem Training sagen, ich mach jetzt die Fliege, morgen um 5.30 Uhr klingelt der Wecker. Matthias hat da eine Engelsgeduld und nimmt sich gerade für die jungen Spieler und die Eltern extrem viel Zeit. Höchsten Respekt.

Wie geht das Spiel heute aus?

DECKER: Es gibt dieses Mal Stürmertore. Wir gewinnen mit 2:0.

GÜNES: Ich sag einfach: Wir gewinnen. Das gehe ich immer so an.

Die Trainer des FCM im Kurzportrait

Matthias Günes: Alter: 43, Heimatverein: FC Füssen, Trainerstationen: FC Füssen (Kreisliga), TSV Kottern (Bayernliga), FC Memmingen (U19), FC Memmingen (Bayernliga + Regionalliga, Sportliche Qualifikation: A-Lizenz, Beruf: Assistent der Geschäftsleitung im Hotel Müller (Hohenschwangau).

Candy Decker: Alter: 38, Spielerstationen: FC Memmingen (von der Jugend bis zur ersten Mannschaft, u.a. in der Regionalliga Süd), Trainerstationen: FC Memmingen (von der U15 bis zur ersten Mannschaft als Interimstrainer – aktuell: Co-Trainer des Regionalliga-Teams) sowie FC Wangen (Verbandsliga Württemberg), Sportliche Qualifikation: Elite-Jugend-Lizenz, Beruf: Angestellter bei der Firma Liebherr in Ochsenhausen.

ALLGÄUER ZEITUNG

Von Thomas Weiß und Freddy Schissler – Allgäuer Zeitung vom 24.09.26 – Fotos (C) Hannah Brenner, Siegfried Rebhan, Olaf Schulze

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